Im Rahmen der Holocaust-Gedenkwochen beteiligte sich die Klasse 10.2 der Gesamtschule Wulfen an der Putzaktion der Stolpersteine im Ortsteil Wulfen. Mit Schwämmen, Tüchern und Politur machten sich die daran, die kleinen Messingtafeln im Gehweg zum Glänzen zu bringen als Zeichen des Erinnerns und der Wertschätzung für die Opfer des Nationalsozialismus. Vorbereitet wurde die Aktion im GL-Unterricht (Gesellschaftslehre). Gemeinsam mit ihrer Lehrerin Özgün Cicek recherchierte die Klasse intensiv zum Schicksal der Familie Lebenstein, einer einst angesehenen Wulfener Familie jüdischen Glaubens. Dabei stießen die Jugendlichen auf bewegende und zugleich überraschende Details. Eine besondere Entdeckung machte die Lerngruppe bei der Recherche zu Hermann Lebenstein: Er diente im Ersten Weltkrieg als Soldat für Deutschland, fiel am 25. September 1915 und ist auf der Gedenktafel am Wulfener Ehrenmal für die gefallenen Soldaten verzeichnet. „Diese Erkenntnis hat viele Schüler sehr nachdenklich gemacht“, berichtet GL-Lehrerin Özgün Cicek. „Zu sehen, dass ein jüdischer Mitbürger für Deutschland im Krieg gefallen ist und seine Familie nur wenige Jahre später entrechtet und verfolgt wurde, verdeutlicht die Tragik der Geschichte auf besonders eindringliche Weise.“ Neben der Familiengeschichte beschäftigte sich die Klasse auch mit dem Künstler Gunter Demnig und seiner Idee der Stolpersteine. Das europaweite Kunst- und Erinnerungsprojekt bringt die Namen der NS-Opfer zurück in den Alltag: direkt vor die letzten frei gewählten Wohnorte der Menschen. Die messingfarbenen Steine sollen Passanten im übertragenen Sinne „stolpern“ lassen und zum Innehalten anregen. Bei der anschließenden Putzaktion stellten einige Schüler fest, dass die Stolpersteine eigentlich noch sehr sauber waren. Doch gerade darin lag eine wichtige Erkenntnis. „Eine Schülerin sagte sehr treffend, dass es nicht nur um den Schmutz gehe, sondern um die Geste“, erzählt Schulleiter Hermann Twittenhoff. „Dieses bewusste Niederknien, das Polieren der Namen und Daten, das ist ein aktiver Akt des Erinnerns. Ich bin stolz darauf, wie reflektiert unsere Schüler mit diesem Thema umgehen.“ Auch Özgün Cicek betont den pädagogischen Wert der Aktion: „Geschichte wird greifbar, wenn sie vor der eigenen Haustür stattgefunden hat. Die Auseinandersetzung mit der Familie Lebenstein hat gezeigt, dass Erinnerungskultur nicht abstrakt ist, sondern ganz konkret mit unserem Ort verbunden.“ Mit ihrem Engagement setzte die Klasse 10.2 ein sichtbares Zeichen für Respekt, Toleranz und historisches Bewusstsein und bewies, dass Erinnerung nicht nur im Kopf, sondern auch im Handeln stattfindet.
